Das
Fotoprojekt
Interview mit Stefanie
Ich: Steffi, magst du mir erzählen, wie alles begonnen hat?
Steffi: Unsere Lena war damals 3 Jahre und langsam kam wieder dieser Wunsch nach einem zweiten Kind. Es war nicht von heute auf morgen, aber irgendwann war klar – wir möchten das noch einmal erleben. Es hat aber nicht geklappt – bei Lena war ich damals nach ca. 10 Monaten schwanger. Also sind wir ein Jahr später in eine Kinderwunschklinik gegangen. Dort habe ich Gelbkörperhormon bekommen und im zweiten Zyklus war ich schwanger. Wir waren überglücklich, aber unser Glück hielt nicht lange an, denn in der fünften Woche hatte ich eine Blutung. Es war ein Schock, obwohl es noch so früh war.
Wir haben dann aufgehört, weil es einfach zu viel war. Im Frühjahr 2022 habe ich gemerkt, dass ich psychisch an meine Grenze gekommen bin. Ich konnte nicht mehr. Ich brauchte Abstand, wollte wieder normal atmen, wieder leben, ohne ständig an Eisprünge und Tests zu denken.
Im Sommer haben wir es dann noch einmal gewagt. Ich wurde wieder schwanger. Und wieder Blutungen – diesmal in der achten Woche. Diese zweite Fehlgeburt … das war der schlimmste Moment auf unserem Weg. Ich habe mich leer gefühlt, körperlich und seelisch. Ich wusste nicht mehr, ob ich diesen Schmerz noch einmal aushalte. Die Hoffnung nicht zu verlieren, war fast unmöglich.
Ich: Wie habt ihr es geschafft, weiterzumachen?
Steffi: Ich glaube, weil da immer noch ein Stück Hoffnung war. Und weil wir uns gegenseitig getragen haben. Anfang 2024 war dieser Punkt erreicht, an dem wir uns angeschaut und gesagt haben: „Wie lange machen wir das noch?“
Wir haben beschlossen: 2024 ist unser letztes Jahr. Wenn es bis dahin nicht klappt, dann lassen wir los. Lena war da schon fünf, und wir wollten einfach nicht mehr, dass sich alles nur um dieses Thema dreht. Es war eine Entscheidung mit viel Wehmut, aber auch mit Erleichterung. Wir wollten nicht mehr kämpfen, nur noch hoffen.
Neun Monate später war ich wieder schwanger – diesmal blieb es
Ich: Wusste euer Umfeld, was ihr durchgemacht habt?
Steffi: Nein, kaum jemand. Von der zweiten Fehlgeburt wusste fast niemand. Ich konnte es nicht erzählen. Wenn man etwas so Kostbares verliert, will man nicht erklären müssen, warum.
Den Kinderwunsch selbst haben wir offen geteilt, aber die Verluste – das war unser stiller Raum.
Am meisten verletzt hat mich ein Satz einer Freundin:
„Vielleicht klappt es nicht, weil ihr so verkrampft seid. Wenn ihr lockerer werdet, dann geht’s wahrscheinlich.“
Ich weiß, sie meinte es nicht böse, aber das war wie ein Stich. Man hat das Gefühl, man tut schon alles – und trotzdem ist man selbst schuld. Solche Sätze bleiben lange hängen.
Ich: Was würdest du anderen Eltern mit Kinderwunsch sagen?
Steffi: Geht euren Weg. Nur euren. Hört nicht auf andere, egal, wie gut es gemeint ist. Niemand außer euch beiden weiß, was richtig ist. Kein Arzt, keine Freundin, keine Statistik.
Es betrifft nur euch – und niemand kann diesen Weg für euch gehen oder wirklich verstehen.
Ich: Wie war die Schwangerschaft mit Manuel?
Steffi: Voller Angst. Ich hatte starke Übelkeit über Wochen, fast Monate, und gleichzeitig diese ständige Sorge, dass wieder etwas passiert. Ich konnte sie nicht richtig genießen.
Dann kam noch dazu, dass eine Freundin ihr Baby in der 27. Woche verloren hat – durch eine Thrombose an der Plazenta. Das hat mich so getriggert. Ich war sofort wieder in meiner eigenen Angst.
Es war eine Zeit, in der Glück und Furcht gleichzeitig in mir gewohnt haben. Jeden Tag habe ich mir gedacht: Bitte bleib.
Und er ist geblieben!
Ich: Wie geht es euch heute?
Steffi: Heute ist Manuel da. Und wenn ich ihn ansehe, weiß ich, wofür wir durchgehalten haben.
Ich: Gibt es einen besonderen Moment in Eurer Geschichte?
Steffi: Lena hat sich so lange ein Geschwisterchen gewünscht und lange vor Manuels Geburt hat sie gesagt. „Ich bin auch große Schwester, aber im Herzen.“ Das hat sie ganz von selbst gesagt. Ich musste nichts erklären, sie hat es einfach gespürt.
Ich: Werdet ihr offen mit Euren Kindern über Euren Weg sprechen?
Steffi: Unsere Sternenkinder gehören für uns zur Familie. Wir reden offen darüber. Auch Manuel wird eines Tages davon erfahren – dass da noch zwei kleine Seelen waren, die uns begleitet haben. Ich habe mir einen Regenbogen und einen Stern auf die Schulter tätowieren lassen. Es ist mein Zeichen für sie. Ein Stück Erinnerung, das bleibt – und das ich immer bei mir trage.
Steffi legt die Hand auf ihre Schulter – über den Regenbogen, über den Stern.
„Ihr gehört alle zu mir“, flüstert sie.
Im Nebenzimmer hört man Lena lachen.
Und irgendwo dazwischen, ganz leise, schläft Manuel.
Zwei Kinder auf dieser Welt.
Zwei im Herzen.


