Das
Fotoprojekt
Interview mit Judith
Ich: Magst du mir erzählen, wie euer Weg begonnen hat?
Judith: Es war ein langwieriger Prozess. Der Kinderwunsch war eigentlich von Anfang an da. Nach der Hochzeit haben wir die Verhütung weggelassen – und dann ist einfach nichts passiert.
Monat für Monat vergeht, und irgendwann glaubst du dann wirklich, dein Körper funktioniert nicht so, wie er soll.
Der Arzt meinte, alles sei soweit in Ordnung. Ein Jahr später habe ich mir gedacht: Jetzt reicht’s. Ich hatte das Gefühl, ich muss etwas tun. Meine Cousine arbeitet in einer Kinderwunschklinik, sie hat gesagt: „Komm einfach vorbei.“
Also bin ich hingegangen – und dort kam heraus: PCO. Meine Zyklen sind immer länger geworden. Am Ende hatte ich 100-Tage-Zyklen. Das ist frustrierend, wenn du ständig wartest, und nichts passiert.
Der erste Vorschlag war eine Operation. Danach wollten sie zwei, drei Monate abwarten und, falls es nicht klappt, eine IVF machen. Nach der OP wurden die Zyklen zwar regelmäßig – aber schwanger bin ich trotzdem nicht geworden.
Irgendwann hab ich die Nerven weggeschmissen. Ich hab gesagt: „So, jetzt machen wir’s richtig. Ich bin bereit.“
Ich wollte diesen Prozess – mit allem, was dazugehört. Auch mit Spritzen, Arztterminen, Hormonen.
Man fühlt sich in dieser Zeit manchmal wirklich wie ein Junkie. Wenn du auf einer Geburtstagsfeier im Restaurant bist und dir am Klo die Eisprungspritze setzen musst, weil sie genau an dem Tag, zu der Uhrzeit, sein muss.
Wir haben Niemandem etwas davon erzählt. Es war nur für uns. Ganz still.
Und dann – auf Anhieb: acht Eizellen befruchtet. Kurz darauf der Transfer. Und der Test war positiv.
Ich weiß noch, wie ich den Streifen in der Hand hatte und es nicht glauben konnte.
Hormonell ging’s mir gut, weil ich für mich entschieden hatte: Es ist jetzt Zeit. Ich halte das Warten nicht mehr aus.
Ich: Wie hast du die Schwangerschaft erlebt?
Judith: Ich war erstaunlich ruhig. Ich hatte Einnistungsblutungen, aber ich war trotzdem entspannt. Ich hatte keine Angst.
Der Herzschlag war früh da – und ich wusste, das passt jetzt. Ich hatte Vertrauen.
Und so kam unsere erste Tochter auf die Welt.
Als sie eineinhalb Jahre alt war, haben wir wieder eine Eizelle einsetzen lassen – obwohl mir die Ärzte abgeraten haben, solange ich noch stille. Ich wollte es trotzdem probieren. Natürlich hat es nicht geklappt. Ich war traurig, ja, aber irgendwie wusste ich: Wir sind mit einem Risiko reingegangen und somit war es ok für uns.
Nach dem Abstillen haben wir einen Zyklus gewartet – und beim nächsten Versuch hat es wieder sofort funktioniert. Unsere zweite Tochter erblickte das Licht der Welt.
Für mich war immer klar: Es passiert genau dann, wenn es passieren soll. Es waren die richtigen Zeitpunkte.
Ich: Und dann kam das dritte Wunder?
Judith: Ja. Wir haben gesagt, für ein drittes Kind sind wir offen, aber den Weg in die Kinderwunschklinik gehen wir nicht mehr.
Wenn es sein soll, dann soll das Schicksal entscheiden.
Es vergingen 12 Jahre und wir hatten das Thema eigentlich gar nicht mehr am Schirm, denn uns war klar, dass es für uns unmöglich ist auf natürlichem Weg schwanger zu werden. Und dann, im April letzten Jahres, ist es passiert.
Ich war eine Woche überfällig. Müde, die Brust tat weh. Ich hab mir gedacht: Na gut, ich kauf mir jetzt einen Test – und dann kommen eh meine Tage. So war’s früher oft. Ich kaufte den Test – er war negativ und am nächsten Tag bekam ich meine Tage.
Um 5:45 Uhr in der Früh. Ich ganz allein im Badezimmer.
Nach zwanzig Sekunden war das Plus da. Ich hab nur dagestanden und gedacht: „Oh mein Gott. Das passiert jetzt nicht wirklich.“
Mir läuft heute noch ein Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke.
Es sollte einfach so sein.
Lustigerweise war ich bei dieser Schwangerschaft am ängstlichsten. Vielleicht, weil sie so unerwartet kam – und weil ich dieses Kind, das auf natürliche Weise entstanden ist, so sehr wollte. Bei den IVF-Behandlungen war ich ständig unter Kontrolle, Ultraschall, Blutwerte, alles. Diesmal war alles viel ruhiger. Weniger Routine, weniger Kontrolle. Ich musste vertrauen – und das war schwerer, als ich dachte.
Und mir war so schlecht am Anfang!
Aber gleichzeitig war da dieses Gefühl: Es ist ein Geschenk. Das Schicksal hat entschieden.
Nach zwölf, dreizehn Jahren ohne Verhütung – einfach so.
Unser Ostergeschenk, das wir zu Weihnachten empfangen durften.
Als wir das erste Ultraschallbild in den Händen hiellten, haben wir es Allen erzählt – auf meinem Bauch klebend, mit einem Lächeln, das ich nie vergessen werde.
Die ersten zwei Kinder waren unser großer Wunsch.
Unsere dritte Tochter war die Draufgabe. Die Kür.
Ich: Was war der schwerste Moment auf eurem Weg?
Judith: Dass der Spaß verloren ging.
Kinder bekommen sollte etwas Schönes sein – und plötzlich ist es nur noch ein Ablauf. Temperatur messen, Eisprung, Sex nach Plan.
In der Früh das erste: Thermometer, Wert prüfen – Mist, wieder runtergegangen.
Das nimmt jede Leichtigkeit.
Es war irgendwann einfach nur noch mechanisch. Und das ist schmerzhaft, weil man merkt, wie man sich selbst dabei verliert.
Ich: Und was hat dich getragen?
Judith: Vertrauen.
Zu wissen: Es wird passieren, wenn der richtige Zeitpunkt da ist. Auch wenn man das mitten im Warten nicht glauben kann.
Ich: Wie hat sich deine Sicht aufs Leben verändert?
Judith: Ich nehme nichts mehr selbstverständlich.
Und ich denke nicht mehr so viel darüber nach, wann der „richtige“ Zeitpunkt ist. Es gibt ihn nicht.
Wenn man etwas wirklich will, sollte man einfach anfangen.
Und emotional … ja.
Sie ist unser Jackpot.
Unsere Familie ist jetzt vollständig – und jedes Kind hat seine eigene Geschichte, seinen eigenen Platz.
Ich bin dankbar, dass das Leben nicht immer leicht war.
Denn sonst würde ich heute nicht so tief fühlen, was Glück wirklich bedeutet.
Später, sitzen sie Alle lachend auf der Couch. Judith streicht ihrer Kleinsten über die Stirn und denkt: „Drei Kinder. Drei Wege. Drei Wunder.“
Manchmal musste sie kämpfen, manchmal loslassen.
Und am Ende war da einfach nur noch Vertrauen.
Sie lächelt leise.
Manchmal entscheidet das Leben selbst, wann es Zeit ist.


